Ausstellung
Ausstellung im Pilgersaal

„Große Verdienste um Schreibwesen und Buchkultur“

Karl Heinz Wahl stellte Kloster Marienthal als frühe Druckstätte in Wort und Bild vor

Kloster Marienthal kommt eine besondere Bedeutung in der Verbreitung der Druckkunst mit beweglichen Lettern im 15. Jahrhundert zu. Marienthal zählt zu den ältesten Druckstätten und hatte die erste Klosterdruckerei der Welt, die von Mönchen betrieben wurde. Dass es sich bei dieser Druckerei nicht um eine kleine Klitsche handelte, sondern um ein Unternehmen, das Werke bedeutender Autoren in hohen Auflagen ausführte, erläuterte Karl Heinz Wahl in einem Fachvortrag Vortrag im April 2010 im Rüdesheimer Rathaussaal vor Mitgliedern der der Gesellschaft zur Förderung der Rheingauer Heimatforschung. Es waren die Kugelherren – die Brüder vom gemeinsamen Leben – die Marienthal diesen wichtigen Platz in der Geschichte sicherten. Karl Heinz Wahl hatte sich als früherer Eltviller Pfarrarchivar, pensionierter Englisch- und Lateinlehrer und Mitarbeiter des Druckladens im Mainzer Gutenbergmuseum in das Thema eingearbeitet.

In Wort und Bild gab Wahl einen Einblick in seine umfangreichen Recherchen, die er unter dem Titel „Marienthal als frühe Druckstätte“ zusammengefasst hat. Die Kugelherren verdankten diesen Namen ihrer Mönchstracht mit Kapuze, die wie eine Kugel über ihrer schwarzen oder grauen Kutte hing. Im übrigen führte auch das lateinische Wort für Kapuze „cucullus“ zu dieser Wortschöpfung. Die Gemeinschaft entstand im 14. Jahrhundert in den Niederlanden. Von Köln aus kamen die Kugelherren rheinaufwärts und ließen sich 1465 – möglicherweise auch schon ein oder zwei Jahre zuvor – mit der Erlaubnis von Kurfürst und Erzbischof Adolph II. im Kloster Marienthal nieder.

Karl Heinz Wahl stellte in seinem Vortrag viele Aspekte der Marienthaler Klosterdruckerei vor. Ohne mönchische Gelübde führten die Brüder ein Leben in klösterlicher Gemeinschaft. Sie lebten in Bescheidenheit von ihrer Hände Arbeit und widmeten sich der Seelsorge und der Jugenderziehung, pflegten die Wissenschaft zur Hebung des religiösen Lebens und erwarben sich große Verdienste um Schreibwesen und Buchkultur. Als „der Schulorden“ des Mittelalters standen die Kugelherren in hohem Ansehen. Schon bald nach ihrer Ankunft in Marienthal betrieben sie ein Skriptorium und widmeten sich, inspiriert von Gutenbergs Erfindung, der neuen Kunst des Buchdrucks. 

Ablassbriefe und Breviere 

1468 erschien der erste Druck. Es war ein Ablassbrief des Mainzer Erzbischofs Adolf II. von Nassau zur Einführung eines Marienfestes, bewehrt mit zwei päpstlichen Schreiben. Es blieb nicht der einzige Ablassbrief aus der Marienthaler Klosterdruckerei. Gleichwohl waren es in erster Linie liturgische Werke, die in der Werkstatt der Kugelherren gedruckt wurden, nämlich Breviarien für den täglichen Gebrauch der Geistlichkeit im Bistum Mainz, aber auch für die Bistümer Worms und Trier. Die Forschung hat wenigsten sechs verschiedene Breviere ausgemacht. 

Nach seinen Erläuterungen gilt das Mainzer Brevier, das „Psalterium & Breviarium Moguntinum“ von 1474 als bedeutendster Druck der Marienthaler Kugelherren. Die verwendete Schrifttype war eine gotische Antiqua. Sie ist mit der Catholicon-Type vergleichbar, die Gutenberg 1467 und 1469 bei seinen Eltviller Drucken verwendete. Die Breviere waren zweigeteilt in einen Sommer- und einen Winterteil, entsprechend den beiden großen Festkreisen des Kirchenjahres. So waren die Bücher leichter zu handhaben. Die Marienthaler Kugelherren druckten auch zahlreiche Bücher zur religiösen Unterweisung im Schulunterricht. Gedruckt wurde außerdem ein Band aus der fünfbändigen Bibelerklärung des französischen Theologen Nikolaus von Lyra, die dieser zwischen 1322 und 1330 geschrieben hat. Die Kugelherren druckten auch die erste Biographie des heiligen Martin, die der römische Schriftsteller Sulpicius Severus um 400 geschrieben und bereits zu Lebzeiten des Heiligen begonnen hat: „Leben und Tod des heiligen Martin von Tours.“. Ein weiterer prominenter Autor, dessen „Opusculum triparti tum“ bei den Marienthaler Kugelherren erschien, war Johann Gerson, ein Theologe des 14. und 15. Jahrhunderts, der 1395 Kanzler der Pariser Universität wurde und 1429 in Lyon starb. Etliche der in Marienthal gedruckten Werke befinden sich in Mainz in der Stadtbibliothek, in der Martinus-Bibliothek und im Priesterseminar. Zusammen mit anderen theologischen Schriften in einem Sammelband der Mainzer Stadtbibliothek finden sich zwei weitere Marienthaler Drucke: Die beiden Schriften enthalten die Statuten der Benediktiner von der Bursfel der Observanz. Darin ist alles geregelt, was das Klosterleben betrifft –von der Wahl des Abtes und den Aufgaben von Abt, Prior, Subprior, Novizenmeister, Cellerar, Cantor und so weiter, über Arbeits- und Gebetszeiten, Gottesdienstordnung und gottes dienstliche Handlungen bis zu Kleiderordnung und Körperpflege.

Als Verfasser beider Schriften gilt Abt Adrian von Schönau, früher Mönch auf dem Jakobsberg bei Mainz. Veranlasst wurde die Arbeit durch die Äbte Adam Villicus von Groß St. Martin in Köln und Konrad Rodenberg von Johannisberg im Rheingau, dessen Bruder Johann Rodenberg Spiritus Rector der Reformbewegung von Bursfelde war.

Die Ergebnisse seiner Recherchen hatte Karl Heinz Wahl übrigens im September 2009 während der Marienthaler Festwoche im Pilgersaal des Klosters im Rahmen einer Ausstellung präsentiert.

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