Das Mainzer Brevier
Das Mainzer Brevier

Der Druckort Marienthal

Als Johannes Gutenberg im Februar 1468 starb, hatte sich seine anfangs noch geheim gehaltene Kunst des Buchdruckens schon erstaunlich weit verbreitet. Stellt man in Rechnung, dass Gutenbergs berühmte Bibel erst 1454 fertiggestellt und seitdem nur 13 Jahre vergangen waren, stellt dies eine rasante Entwicklung dar, woran die politischen Entwicklungen wohl einen großen Anteil hatten. 
Der Streit zwischen dem amtierenden Mainzer Erzbischof Diether von Isenburg und Adolf von Nassau, dem von Papst und Kaiser favorisierten Kandidaten, wurde ganz zeitgemäß in der Manier spätmittelalterlicher Fehden gelöst: Die Nassauer nahmen Mainz mit Gewalt ein, vertrieben den amtierenden Erzbischof samt einer beachtlichen Anzahl missliebiger Mainzer Bürger, darunter auch etliche der in den Werkstätten von Gutenberg und seinen Konkurrenten Fust und Schöffer tätigen Drucker.

Die Einrichtung einer Druckerei war nicht nur sehr kapitalintensiv, sondern bedurfte auch eines Marktzugangs, der in den Anfängen besonders im geistlichen Bereich zu finden war. So entstanden auch Druckorte an Bischofssitzen. 
Obwohl dies auf Marienthal nicht zutraf, könnte die Nähe zur letzten Druckstätte Gutenbergs in Eltville ausschlaggebend und der Einzug der Fraterherren ian der Wallfahrtsstätte ein Grund dafür gewesen sein, das hier die erste Klosterdruckerei eingerichtet wurde. 
Die Fraterherren oder auch „Brüder vom gemeinsamen Leben“ kamen als Ordensgemeinschaft aus den Niederlanden. Regional verbreitet war auch die Bezeichnung „Kogel- oder Kugelherren“, deren Mitglieder kein Mönchsgelübde ablegten, sich aber in kleinen klosterähnlichen Gemeinschaften zusammenschlossen.  Man orientierte sich an den Regeln der Augustiner-Chorherren.

Sie predigten eine praktische Frömmigkeit und galten als die wichtigsten Vertreter der geistlichen Reformbewegung. Ihren Einfluss übten sie u. a. durch ihre umfangreiche Buchherstellung aus, mit der sie auch einen Teil ihres Lebensunterhalts bestritten. Sie trugen dabei zunächst zur Verbreitung von Handschriften bei, die sie in großer Zahl kopierten, um dann sehr früh auch den Buchdruck zu nutzen. 1468 richteten sie im Kloser Marienthal in Geisenheim die erste Klosterdruckerei überhaupt. Sie wurden daher im Volksmund auch „Brüder von der Feder“ genannt.

1463 ging Marienthal mit seiner bedeutenden, 1313 begründeten Wallfahrtskapelle, an Kugelherren über, die von Köln kamen. Sie begründen ein Scriptorium zwischen 1468-1484 und betrieben damit eine der ältesten deutschen Druckereien. Besonders die Herstellung von Brevieren für den täglichen Gebrauch der Geistlichkeit im Bistum Mainz und Bistum Worms, religiös-didaktische Bücher begründen das hohe Ansehen der Druckerei. So wird das Beichtbüchlein von Johannes Lupi, einem der ersten überhaupt, hier gedruckt, weiter die zentralen philosophischen und theologischen Werke der Zeit. Gefördert werden die Kugelherren durch den Mainzer Erzbischof Adolf II von Nassau.
Das Kloster wird von Rheingauer Adligen gefördert. Wald, Wiesen, Äcker und Weinberge gehören zur Schenkung. Ein päpstlicher Ablassbrief von 1467 unterstützte den Bau der Kollegiatkirche in Marienthal.

Das älteste Datum von Druckerzeugnissen aus der Marienthaler Klosterpresse findet sich im Jahr 1474 in dem Sommerteil eines Breviarium Moguntinum. Das letzte nachweisbare Werk mit Marienthaler Typen ist der Ablassbrief des Benedictus de Helmstat von 1484. Bekannt sind noch  ein Breviarium Trevirense, ein Breviarrum Wormatiense, ein Directorium missae, Laudes b. Mariae virginis, Joh. Lupi Beichtbüchlein und zwei weitere Ausgaben des Breviarium Moguntinumm. An Typen besaß die Presse vier Arten, die zuerst von Franz Falk in seinem Büchlein „Die Presse zu Marienthal“, 1882, zusammengestellt wurden. 

Mit Bauernkrieg und Reformation kommt der wirtschaftliche Niedergang. Als letzter Rektor ist Adam von Lauffenselden bekannt, um 1550 wird das Stift aufgelöst, die Bibliothek zerstreut.